Wie zu schreiben sei? – Im Leser das Vernunftwesen achtend

Gastkommentar

Wie zu schreiben sei? – Im Leser das Vernunftwesen achtend

Es macht sich ein der Unruhe unserer hektischen und hedonistischen Zeit geschuldetes Lektüreverhalten breit. Und so mutiert der «öffentliche Intellektuelle» zu einer Art Leseerlebnisarbeiter.

Peter Strasser

«Der offerierte Textkörper sollte jene gewisse Leichtigkeit des Seins aufweisen.» (Bild: mse).

«Der offerierte Textkörper sollte jene gewisse Leichtigkeit des Seins aufweisen.» (Bild: mse).

Schwer zu eruieren, wann es in den Qualitätsmedien üblich wurde, jede noch so theoretische Betrachtung, sei’s über Stephen Hawkings Physik der Schwarzen Löcher oder Noam Chomskys generative Grammatik, mit einer Geschichte einzuleiten. Die Geschichten wurden von allen verstanden, sie «spitzten» den Leser an (damals durfte man ziemlich ungeniert männliche Formen verwenden). Aber wenn es dann endlich um die Substanz ging – die Theorie –, war der verfügbare Platz zur Darstellung und Begründung der schwer «kommunizierbaren» und im Übrigen «sperrigen Materie» zum grössten Teil schon aufgebraucht.

Wolkenkuckucksheime

Dies war der Beginn einer Kultur des unterhaltsam lancierten Halbwissens, das sich auf Episoden und Episödchen statt auf Begriffe und Argumente stützte, die der jeweiligen abstrakten Problematik entsprochen hätten. Alles, nur keine Begriffswüste! Der «Diskurs», der zur Zeit des grossen intellektuellen Nachkriegsaufbruchs, namentlich seit den sechziger Jahren, an den hohen Schulen und in esoterischen Diskussionszirkeln regelrecht als Ideenerotik durchgehen mochte, geriet peu à peu in Verruf. Handelte es sich dabei nicht um die elitäre Haltung einer antibürgerlichen Jugendkultur und ihrer spätbildungsbürgerlichen Lehrer, die in ihren utopischen Wolkenkuckucksheimen und Orchideenfächernischen, welche von der Öffentlichkeit finanziert wurden, gesellschaftskritische Posen zelebrierten?

Doch ganz ohne die intellektuelle Brillanz der jeweils modischen «Intelligenz» wollte kein Qualitätssegment des Wissensvermittlungsbetriebs auskommen. In dem Masse, in dem – neben der eher konservativen Gestalt des Systemtheoretikers Niklas Luhmann – der Sozialphilosoph Jürgen Habermas weltweit zur Galionsfigur des linksliberalen Grossfeuilletons aufstieg, erwuchs den Altmeistern die Konkurrenz von Denkwildfängen. Diese «befreiten» das Begriffsmaterial von seiner Sprödigkeit. Während der eifrig übersetzte, obwohl im Grunde unübersetzbare Jacques Derrida seine Philosophie der différance vorantrieb (was immer die Falschschreibung bedeuten mochte), brachte es der Jacques-Lacan-Schüler Slavoj Žižek zuwege, die herkömmlichen Politkategorien so lange durcheinanderzuwirbeln, bis sich seine liberale Leserschaft die Forderung nach einer «radikalen Repolitisierung der Ökonomie», sprich: einem Umsturz der bestehenden Verhältnisse, als intellektuelles Bonbon auf der Zunge zergehen liess.

Derweilen wuchs in deutschen Landen der Denkgrossmeister Peter Sloterdijk heran. Sein Stil war und ist von den Vibrationen aller Menschheitszeiten und tellurischen Themen erfüllt, während er immer und überall jene Unschärfe mit sich führt, die ganze Heerscharen von Bewunderern anlockt. Fragt man den enthusiasmierten Leser, was genau er bei der Lektüre gelernt habe – über was auch immer –, lautet die unwirsche Antwort nicht selten: «Es kommt ja wohl darauf an, wie’s gesagt wird!»

Bauchgefühle-mit-Hirn

Sei dem, wie es sei, die postmoderne intellektuelle Melange hat tief reichende Auswirkungen auf die Erwartungen des gebildeten Lesepublikums. Es erwartet – gemäss Annahme der auf ihr Publikum Zuschreibenden –, dass Komplexität in «süffigen» Formulierungen dargeboten werde, wie «trocken» die abgehandelte Sache sein möge. Der offerierte Textkörper sollte jene gewisse Leichtigkeit des Seins aufweisen, die es unterhaltsam gestattet, sich überflugsartig lesend in Stimmung zu bringen und ausserdem – so Botho Strauss in «Paare, Passanten» bereits 1981 – zusehends lustvoll mit «Gesinnungswechseln» beschäftigt zu werden: In den Opfern von heute rumoren schon die Täter von morgen, und umgekehrt.

Derart greift ein der Unruhe unserer ebenso hektischen wie hedonistischen Zeit geschuldetes Lektüreverhalten mehr und mehr Platz: Das Verstehen, einst eine Sache des hermeneutischen Auslotens von Bedeutungsstrukturen, wird durch Bauchgefühle-mit-Hirn ersetzt. Entsprechend mutiert der «öffentliche Intellektuelle» zu einem Leseerlebnisarbeiter. Aber – so der Gegenwartsopportunist – muss denn das Qualitätspopuläre, das lustvolle Verhältnis zwischen Getextetem und Gelesenem schlecht sein? Man ist geneigt, simplizistisch zu antworten: Muss nicht, kann aber . . .

. . . kann aber, und zwar dann, wenn die Sache, die ernst genug sein mag – das neue politische Cäsarentum rundum, die Hungersnot auf Erden, das nie endende Kriegselend, der Klimawandel weltweit –, auf die Ebene eines Lese-Entertainments herabgebracht wird; und wenn anstelle von Argumenten schliesslich launige Stimmungspirouetten gedreht werden, ob auf dem Feld der Wutbürger oder jenem, welches dem «public crying», der Zurschaustellung öffentlicher Trauergesinnung, vorbehalten ist. Eine Einsicht Immanuel Kants abwandelnd, liesse sich daher den Wissensvermittlern anempfehlen: Indem du im Leser das Vernunftwesen achtest, solltest du, schreibend, es allen zur Pflicht machen, die Menschheit nicht bloss als Mittel der Unterhaltung zu gebrauchen!